Reflexion als Privileg

Das vergangene (Lehr-)Jahr war geprägt von Reaktionen. Auf die Umstellung von Lehre in Präsenz zu digitalgestützter Lehre musste im März 2020 rasch und ab Oktober/November 2020 dann mit Vorhersehung reagiert werden. Die Reaktionen waren zum einen ausgerichtet an entsprechenden Vorgaben der Auftraggeber*innen (Rektorate, Bildungsmanagement u.ä.) und zum anderen an unseren Qualitätsstandards. Und so kam es, dass wir auf ausgeschaltene oder nicht vorhanden Kameras der Lernenden reagieren mussten. Oder auf mangelnde bzw. nicht vorhandene Beteiligung. Wir mussten auf erheblichen didaktischen Mehraufwand reagieren, auf eigene Unfähigkeiten im digital gestützten Lehr-Lernbereich und auf höheren Betreuungsaufwand von den Lernenden (Ergebnisse aus vielfachen Studien über das digitale Sommersemster) .

Beim ersten Verfassen dieses Blogbeitrags wollte ich schreiben, dass diese Reaktionen alle gemeinsam haben, dass wir eine Vielzahl an neuen Erfahrungen gemacht haben, aus denen wir lernen können (John Dewey 1915: Lernen durch Handeln). Ich wollte beschreiben, dass es der Reflexion bedarf, als Zwischenschritt, um aus einer Erfahrung bzw. Handlung zu lernen (siehe dazu David Kolb und das Lernzyklus-Modell). Dass es einer wahrgenommenen Dissonanz als Irritation bedarf, um Erfahrung zu einer Lerngelegenheit zu machen. Und dass es bei dem Versuch die Dissonanz zu lösen zu Lernergebnissen kommt (Peter Jarvis 2010).

Dann ist mir klar geworden, dass ich aus einer privilegierte Situation heraus denke. Viele Menschen (sogar mein Physiotherapeut) sprechen von der Krise als Chance: Mehr Zeit für die Familie, Umweltentlastung, Vorantreiben von Digitalisierungsprozessen. Ich gehe davon aus, dass eine Umdeutung der Folgen Corona-Pandemie tröstend sein kann. Dass Personen gestärkt aus der Krise hervorgehen können. Allerdings ist Resilienz ein Privileg (Resilience comes from place of privilege, Jessie Stommel). Als eine Person, die keine näheren Bekannten oder gar Familienmitglieder an das COVID-19 Virus verloren hat, die kaum Umsatzeinbußen hat, einen Ehemann sowie genug Autonomie und Quadratmeter Wohnfläche ist es verhältnismäßig einfach die Folgen der Pandemie positiv zu nutzen. Dem ist für viele Menschen auf dieser Welt und auch in unseren Lehr-Lernveranstaltungen nicht so.

Deswegen habe ich Energie und emotional Platz, zu reflektieren und aus meinen Erfahrungen zu lernen. So kann ich entscheiden, wie u.a. meine (Online-)Lehre in diesem Jahr aussehen soll*. Ich nehme mir vor in diesem Jahr noch mehr anzuerkennen und auszuhalten, dass viele meiner lernenden Gegenüber nicht so privilegiert waren bzw. sind wie ich und authentische Begegnungen zuzulassen in denen Momente der Misere Platz haben dürfen.

Ich wünsche allen ein gesundes und frohes neues Jahr!

*Zu Reflexionstechniken gab es Januar 2018 einen Beitrag, mit den Hauptreflexionsfragen: What? So what? What now?

1 Comment »

  1. du hast so recht, lisa! viele lernenden (in meinem fall jugendliche) haben nur oft nicht einmal genügend ausstattung, um von zu hause aus halbwegs mitzuarbeiten. ich bin schon sehr gespannt, wie sich das vergangene jahr in zukunft auf uns alle auswirken wird (lehrstellenbesetzung, jobsuche, div. ausbildungsabschlüsse etc.). ich hoffe, die bisher etablierten standards müssen nicht nach unten korrigiert werden.

    achtsamkeit und auch dankbarkeit für kleinigkeiten werden bestimmt im heurigen jahr noch wichtiger werden… und die krise als chance sehen wird wohl ein eigenes schulfach 🧡

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