Güte für die Lehrforschung

Vor ein paar Wochen hatte ich den Auftrag einen „evidenzbasierten“ Vortrag zu halten, zum Thema Lehren. In der Auftrags-Email stand, dass eine Gruppe Naturwissenschafter*innen sich Tipps aus der Lehrforschung wünschen und ob ich denn einen Vortrag darüber halten könnte und nicht wie üblich, einen Workshop?

Zu Beginn ein Exkurs: Als (Hochschul-)Didaktikerin gehe ich davon aus, dass die „Weisheiten“, die ich mit den Teilnehmenden meiner Workshops teile, ihre Berechtigung haben. Dies mache ich daran fest, dass ich Inhalte vermittle, die durch erprobte Praxis und/oder durch die Anwendung wissenschaftlicher Forschungsmethoden Validierung finden. Lehr-Lernthemen sind schwierig zu beforschen, weil die Variablen nicht kontrollierbar sind. Ob eine didaktische Intervention funktioniert oder nicht, hängt von dermaßen vielen Komponenten ab, dass es sehr schwierig ist, (Lern-)Effekte zu isolieren. Dies ist meiner Meinung nach eine gute Nachricht: Wenn wir, als Lehrende, in der Lage wären einen direkten „Wenn-Dann“-Effekt zu produzieren, dann hätten wir eine Art von Macht, derer wir, als Menschen, nicht gewachsen wären. Wir müssen aufpassen, was wir uns, als Wissenschafter*innen, wünschen.

Was mein wissenschaftliches Herz dann doch höher schlagen lässt, ist das Konzept des Scholarships of Teaching and Learning (SoTL). Das Beforschen der eigenen Lehre besteht darin, das eigene didaktische Tun systematisch zu beobachten, zu dokumentieren und zu bewerten. Aus gelungenen und misslungenen Lehr-Lernsituationen entstehen reflektierte Erfahrungen, die es wert sind mit Lehrkolleg*innen zu teilen. Die Universität Edinburgh und die kanadische Gesellschaft für Lehren und Lernen an Hochschulen liefern einen prägnanten Überblick über die Charakteristika und Möglichkeiten von SoTL. Im deutschsprachigen Raum ist eine Institutionalisierung in ihrer Entstehungsphase. Das Herausgeberwerk Forschendes Lehren im eigenen Fach ermöglicht gute Einblicke über Projekte im deutschsprachigen Raum. Auch die Beforschung der eigenen Lehre beginnt mit einer Forschungsfrage und benötigt eine systematische Forschungsmethodik, die auf erklärende und/oder verstehende Ergebnisse erzielt*. Obwohl es also schwierig ist Lehr-Lern-Prozesse zu beforschen und keine in Stein gemeißelten Gesetzmäßigkeiten für die Lehre entstehen, ist niederschwellige also auch aufwändige empirische Lehr-Lern-Forschung derzeit sehr in Mode. Sie hilft uns besser zu begreifen, wie nachhaltiges Lernen tendenziell funktioniert und wie unsere Lehrtätigkeit dazu beitragen kann.

Aus der genannten Anfrage der naturwissenschaftlichen Kolleg*innen habe ich jedenfalls herausgehört, dass sie sich Unterstützung wünschen ihre Lehre zu verbessern und studentisches Lernen zu fördern. Das allein ist für mich Anlass, meine habituelle Komfortzone zu verlassen und erstens auf die Suche nach objektiver, valider und reliabler Evidenzbasis zu Lehr-Lern-Themen zu gehen und zweitens diese Themen in ein Vortragformat zu bringen (normalerweise leite ich Workshops und halte nur aus Versehen Reden zu dem Thema). In einer leichten Trotzstimmung und mit gefühlsmäßig gemischten Erinnerungen an meine bildungswissenschaftlichen Seminare zu qualitativen und quantitativen Forschungs-Gütekriterien suche ich nach Studien. Über die Jahre habe ich einen Ordner angelegt, der „Lehr-Lernforschung“ heißt – hier sind Artikel gelandet, die diesen Kriterien zumindest im Ansatz genügen. Jedes Mal, wenn ich wieder eine Studie gefunden habe, habe ich mich sehr darüber gefreut. Ich dachte häufig: „Na endlich, der empirische Beweis für die Wirksamkeit der didaktischen Technik/Hinweise zur Beziehung/methodischen Idee/o.ä., die ich in meinen Workshop sowieso schon vermittle. Das überzeugt auch die Teilnehmenden, die nur glauben was wissenschaftlich bewiesen ist“. Bei diesem Auftrag war es für mich fast schon eine Frage der Ehre, die aktuellsten, innovativsten, gültigsten Studien zu finden und auf meinen Vortragsfolien (!) jeden Bulletpoint, jedes Stichwort und jeden Hinweis mit einer Studie zu belegen. Ich sagte bereits: Trotzstimmung. Dichter habe ich die 5×5 Regel (max. 5 Zeilen mit max. 5 Wörtern pro Folie) noch nie empfunden, aber nach drei Tagen Arbeit standen meine 10 Folien für den anderthalbstündigen Vortrag.

Aus dieser Arbeit habe ich zunächst drei Fazits gezogen.

Erstes Fazit: Meine forschungsmethodische Sozialisation als Bildungswissenschaftlerin ist durch verschiedene studienstrukturelle Gegebenheiten eher qualitativ ausgefallen. Der fortwährende Methodenstreit, der auch meine Familienfeiern beeinflusst (mein Schwager ist Molekularbiologe und diskutiert mindestens gleich leidenschaftlich) lässt mich zunächst einmal schmollen, wenn von mir evidenzbasierte (O-Ton: quantitative) Lehr-Lern-Forschungsergebnisse gefordert werden. Er lässt mich aber auch zur Höchstform auflaufen. Dies wiederum erlaubt es mir, mich auf anders sozialisierte Teilnehmenden einzustellen. Bis ich ihnen im Workshop gegenüber stehe, habe ich auch aufgehört beleidigt zu sein und ihnen diese Ansprüche übel zu nehmen.

Zweites Fazit: Viele Ergebnisse (nicht alle!!), bestätigen die Praktiken, die ich (und vermutlich viele andere Kolleg*innen auch) in meinen Workshops zu Lehr- und Lernthemen vermittle.

Drittes Fazit: Viele Ergebnisse haben mich überrascht und liefern elegante Erklärungen für die Notwendigkeit die eigene Lehre an den Lernenden orientert zu gestalten. Welche Erklärungen das sind und wie (die Methodenfrage) solche evidenzbasierten Erkenntnisse in der eigenen Lehre umgesetzt werden können im nächsten Beitrag mehr.

 

*Einsteiger*innen in das Thema der empirischen Forschungsmethoden empfehle ich folgendes, anschauliches Youtube-Video. Die zugehörige Webseite von www.wissarb.com bietet weitere interessante und kompakte Einblicke in das wissenschaftliche Arbeiten.

 

 

 

 

 

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