Bildungswissenschaft, Theorie

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie (Kurt Lewin)

Jedes Jahr halte ich einen Grundlagenkurs zu bildungswissenschaftlichem Arbeiten in der Erwachsenenbildung für angehenden Kursleiter*innen. Und ich frage mich, wie ich ein so komplexes Thema, für das es ganze Studiengänge gibt auf eine lebensnahe, praxisrelevante Art in zwei Tagen bearbeiten kann. Bei den Kursvorbereitu

Bild_BaumPädagogikngen habe ich immer die Sorge, dass nicht deutlich werden wird, welche Gesellschaftsrelevanz, welche Wirkung und welche Chancen und Begrenzungen in der Bildungsarbeit mit Erwachsenen liegen. Dass meine Ausführungen zu Verwertung versus Horizonterweiterung als (Weiter-)Bildungsziele, den Zwängen und Freiheiten von Teilnehmenden und Nicht-Teilnehmenden oder die Chancen(un)gleichheit bei Bildungszugängen als zu theoretisch, fade oder sinnlos verkannt werden.

Deswegen brüte ich jedes Jahr Tage oder gar Wochen über dem Plan und den Inhalten, verändere die Reihenfolge und die Übungen – noch bis 5 Minuten vor Kursstart. Und jedes Jahr passiert dann mein persönliches Seminarwunder. Ich steige in den Kurs ein und bereits mit dem ersten Thema bemerke ich wie mein Herzblut, mein Wissen, meine Erfahrungen und meine Begeisterung, wie von selbst, die Dynamik des Kurses bestimmt. Dazu braucht es n

atürlich auch eine gewisse Begeisterungsfähigkeit und Offenhe

it der Teilnehmenden, die ihrerseits, Richtungen vorgeben, Wege begehen und mit Fragen neue Gedankenwelten eröffnen. Also haben wir „den“ Bildungsbegriff diskutiert, eine gemeinsame Lerntheorie entwickelt, über die verdeckten Botschaften in Ausschreibungen gesprochen, Bildungsmärchen entmystifiziert und allem voran die eigenen Rolle, Aufgabe und Wirksamkeit als Erwachsenenbildner*innen in Worte zu fassen versucht.

Ich hoffe, dass ich im kommenden Jahr das Vertrauen früher im Vorbereitungsprozess aufbringe, dem Kurs erst gemeinsam mit den Teilnehmenden Leben einzuhauchen und mich nicht durch die Unvorhersehbarkeit verunsichern zu lassen bzw. diese mittels exzessiver Planungsaktivitäten kontrollieren zu wollen.

Ein solcher Kurs, ist für mich die Gelegenheit Wissenschaft und Praxis miteinander zu verbinden. Ich möchte zeigen, wie praktisch, im Sinne von nützlich und praxisrelevant, eine Theorie sein kann. Und wie (theoretisches) Wissen auch hilft, gesellschaftsstrukturelle Missstände auszuhalten.

Und vielleicht auch die didaktische Unplanbarkeit.

Eine schöne Einführung in das Thema liefert übrigens das Portal erwachsenenbildung.at.

Bildungswissenschaft, Hochschullehre, Pädagogik

Wo Pädagogik drin ist…

Erstmals veröffentlich am 16.11.2017

Das neue Semster hat spannend angefangen, mit vielen Fragen in einer universitären Großveranstaltung zum pädagogischen Grundbegriffen.

Ein rezentes Event war meine alljährliche Präsentation der Berufsmöglichkeiten von Pädagogikstudierenden des ersten Semesters. Die vergangenen Jahre habe ich hier immer über verschiedene Berufe und die Kompetenzen oder Fähigkeiten gesprochen, die in diesen Berufen gefragt sind. Gestern habe ich das erste Mal wirklich und vertieft darüber gesprochen, welche Gelegenheiten das Studium bietet, sich mit der Welt in der wir leben auseinander zu setzten. Spontan habe ich erzählt, wo im alltäglichen Leben ‚Pädagogik’ ‚drin’ ist. Das erste Beispiel ist offensichtlich: Ein dreijähriges Kind schmeißt sich vor dem Supermarkt auf den Boden. Welche Möglichkeiten gibt es hier zu reagieren. Aus der Antwort einer Studentin konnte ich ableiten, dass es um Macht geht und um Öffentlichkeit. Und darum, das Richtige tun zu wollen. Die These der Studentin lautete, dass es galt zu ‚gewinnen’, um dem Kind nicht zu vermitteln, dass ‚Schreien’ dazu führt, den eigenen Willen durchzusetzen. Ich habe versucht zu vermitteln, dass auch die Perspektive hinter der Handlung interessant sein kann. Nämlich die Frage, wer wird wozu erzogen? Wer entscheidet, nach welchen Regeln die Welt ‚bespielt’ werden soll? Und wer kann überprüfen ob welche Erziehungs’maßnahmen’ ‚ zu welchem Ziel führen.

Das zweite Beispiel, das ich nannte war der Strafzettel, den ich vor meiner eigenen Haustür bekommen habe. Ich stand also unwissentlich im Halteverbot um mein Gepäck ins Auto zu laden. Obwohl ich nicht länger als 5 Minuten stand, ließ der Strafzettelschreiber nicht ab. Ich müsse ja die Regeln befolgen, so wie alle anderen auch. Ärgerlich an sich, allerdings erschreckender: Was passiert in einer Welt, in der die Regeln vor menschliche Grundempfindungen und Bedürfnisse gestellt werden. Wer entscheidet wann über solche die Regeln, bzw. ist diesen RegelentscheiderInnen zuzutrauen, dass sie die Regeln durchdacht haben? Und wie geht es der ‚Exekutive‘ damit? Ein anderes Beispiel wäre inzwischen das Verschleierungsverbot in Österreich, das dramatischerweise einen Diskurs einfärbt (und zwar auf dem Rücken/Gesicht von Frauen) und durch Feste wie Fasching und die kommende Skisaison lächerliche Ausformungen erhält. Dies habe ich aus verschiedenen Gründen nicht in der Veranstaltung erwähnt. Wo ist also überall Pädagogik drin? Wie können also pädagogische Grundbegriffe, wie Bildung, Erziehung oder Sozialisation in der aktuellen Gesellschaft gefunden, definiert, implementiert oder umgedeutet werden, bzw. wie findet der Diskurs über genau jendes statt? Das waren diesmal die Fragen zu denen ich aufgerufen habe, sich als PädagogikstudentIn von Anfang an zu stellen. Damit die Suche nach Wahrheit nicht nur von unhinterfragten subjektiven Tatsachen geprägt wird.