Lernen lernen lehren

Das Ende des Semesters und damit auch die Prüfungszeit nahen. Studierende wirken aufgeregt, manche gar nervös. Panische Fragen nach Prüfungsrelevanz unterbrechen unsere noch so spannenden und praxisrelevanten Ausführungen. Auf unsere Antwort hin, dass dieses Fallbeispiel der Veranschaulichung und dem Lerntransfer dienen soll, legen die meisten Studierenden ihren Stift nieder und warten höflich ab, bis wir damit fertig sind und endlich wieder etwas erzählen, das ihnen für die Prüfung nütztlich sein könnte. Zugegeben, das ist überspitzt. Und selbst wenn nicht, dann ist dieses Verhalten zumindest nachvollziehbar und verständlich. In einem System, das sich zunehmend durch modularisierte Studiengänge, einer Vielzahl an quantitativen Prüfungsleistungen, Anwesenheitslisten und Mitarbeitstabellen charakterisieren lässt, versuchen Studierende einen Umgang zu finden.

Eine Möglichkeit diese für Lernenden und ebenso für Lehrende schmerzhaften Erfahrungn zu mindern besteht darin, Lernen zu thematisieren. Die amerikanische Chemikerin und Lernforscherin beschreibt in der teaching in higher ed Podcast Folge „How to teach students how to learn“, wie sie das Thema Lernen lernen in ihren Lehrveranstaltungen zum Thema macht. Hier werden einzelne Einflussfaktoren auf die Tätigkeit bzw. den Prozess des Lernens (z.B. als Prüfungsvorbereitung) genannt. Dazu gehörenBücherhaufen_neu das eigene Lernverhalten, wie z.B. der erholsame Schlaf, sportliche Aktivitäten, Pauseneinteilung, Sauerstoff oder Lernorte aber auch konkrete Gedächtnistechniken und Übungsstrategien. Eine klassische und sehr wirksame Variante ist  „Lernen, um zu Lehren“. Wir wissen selbst am besten, dass wir Wissen anders anlegen müssen, wenn wir vorhaben, es weiter zu geben.

Eine wertvolle Ressource für meine eigene Lehrtätigkeit ist die Webseite www.retrievalpractice.com. Die Gedächtsnisforscherin Poojar Agarawal veröffentlicht hier nicht nur aktuelle Forschungsergebnis sondern gibt auch wertvolle Tipps, wie diese in der Lehrpraxis sehr unaufwändig umgesetzt werden. Besonders beeindruckend finde ich folgendes Experiment: Zwei Studierendengruppen hören den gleichen Vortrag. Danach wird Gruppe A gebeten sich die eigene Mitschrift anzuschauen. Gruppe B erhält die Aufgabe alles aufzuschreiben, was hängen geblieben ist. In einem anschließenden Test schneidet gruppe B weitaus besser ab. Gruppe A dagegen gibt bei der dem Test vorangehenscreenshot 2019-01-22 18.27.20den Befragung an, sich den Inhalten sicher zu fühlen. Gruppe B dagegen gibt an, inhaltlich unsicher zu sein*. Das bedeutet, die Mitschrift-lesende Gruppe fühlt sich zwar sicherer, kann allerdings weniger Wissen aus dem Gedächtnis wiedergeben. Gruppe B ist zwar inhaltlich unsicher, hat aber (Wenn auch unvollständig) Zugriff auf Wissen, das im Test wiedergegeben werden kann.

Das folgende Zitat trifft den Nagel auf den Kopf:

When we think about learning, we typically focus on getting information into students’ heads. What if, instead, we focus on getting information out of students’ heads? (Agarwal 2012)

SelbstlernenderDas bedeutet, es braucht kleine Strategien, die nicht auf Vermittlung von Inhalte fokussiert, sondern die Studierende dabei zu unterstützen den Zugriff auf memorisiertes Wissen zu erleichtern. Hier drei meiner Lieblings-Retrieval-Practice Tools:

  • Brain Dump Stoppe deine Ausführungen, um die Studierenden zu beauftragen eine kurze Liste mit Inhalten/Themen anzufertigen, die sie bisher gelernt, gehört, erfahren haben. Das hilft den Studierenden aufmerksam zu sein und Inhalte nachhaltig zu verarbeiten.
  • Lernstop Verändere die Lernkultur in deinem Hörsaal, indem du die Studierenden zwischendurch aufforderst in eigenen Worten zu formulieren, was ihr gerade gemeinsam durchnehmt, zu welchem Ziel, und auf welche Weise.
  • The muddiest Point Fordere die Studierenden auf sich zu überlegen, welcher Inhalt bzw. welches Thema für sie in der vergangenen Einheit am schwierigsten/anstrengendsten/verworrensten war. Sie sollen dieses Thema in eigenen Worte (5 Zeilen) aufschreiben und abgeben. Die Ergebnisse können als Quizvorlagen dienen zur Wiederholung in der nächsten Einheit.

Weitere interessante Ideen sind auf der Retrieval-Practice Webseite zu finden.

Als Kursleiterin zähle ich es zu meiner Verantwortung besonders jüngere Studierende auf das Thema „Lernen lernen“ aufmerksam zu machen und ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die das Entwickeln von Lernstrategien unterstützen (dazu gehört für mich auch universitäre Servicestellen zu kennen, die z.B. Hilfestellung für Studierende mit besonderen Bedürfnissen bzw. akuter Prüfungsangst bieten). Der Grund liegt in dem für mich immerwährenden Leitsatz:

Wenn studentisches Lernen nicht stattfindet, ist meine Lehrtätigkeit obsolet.

Ich wünsche viel Energie und Ausdauer für das Semesterende, und auch Zeit Erfolge zu feiern!

 

 

*Agarwal, P. et al. (2012): The Value of Applied Research: Retrieval Practice Improves Classroom Learning and Recommendations from a Teacher, a Principal, and a Scientist. Educational Psychology Review, Vol 23, 3, p. 437-448.

 

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