Hochschullehre, Pädagogik

Meine Aufgaben als Lehrende*r

Vergangene Woche habe ich in Graz eine Fortbildung für Lehreinsteiger*innen abgehalten. Auf die Frage hin, welche Themen die jungen Hochschullehrenden beschäftigen, lassen sich zwei große Themenbereiche herausstreichen, die sich auf zwei ganz verschiedenen Ebenen bewegen:

  • Zum einen geht es um die Balance von Nähe und Distanz zu den Studierenden mit der konkreten Frage, was es braucht, um als Lehrende*r in eben dieser Rolle anerkannt zu werden.
  • Zum anderen führen viele Diskussionen zu der Grundsatzfrage, welchen Stellenwert Lehre an Universitäten eigentlich einnimmt.

In Bezug zu beiden Fragen möchte ich folgende Erzählung einer amerikanischen Kollegin teilen:

“Someone recently asked me the single biggest difference between a course my students design and one I might design for them. I thought about it a bit and said, “Relevance.” When I design a course, I often think about “representing” the “content” of the “field.” When my students design a course, they always design one in which, whatever content they choose, it has something to teach them about how to live and understand their world right now“ (Kathy N. Davidson 2018).

Ich denke, dass dies sehr deutlich vor Augen führt, dass trotz der höchstmöglichen Selbststeuerung der Studierenden, wir als Lehrpersonen genau dieses Spannungsfeld bespielen müssen: Einen Lebensweltbezug herzustellen bei gleichzeitiger Selektion und Reduktion der relevanten Inhalte. Welche Inhalte insbesondere in wissenschaftlichen Grundlagenthemen relevant sind, zeigt die Fachlandkarte, die wir, mit einem bestimmten Wissensvorsprung, bereits recht deutlich und konkret vor Augen haben. An diesem Selektionsprozess können Studierende nur bedingt teilnehmen. Dementsprechend bedarf es einem Vertrauensvorsprung, der uns entgegengebracht wird. Diesen braucht es, um als junge Lehrpersönlichkeit anerkannt zu werden. Wir machen es den Studierenden einfacher, uns zu vertrauen, wenn das Vertrauen nicht ‚blind‘ sein muss. Das heißt, wir als Lehrenden haben die Aufgabe unsere Absichten in der asymmetrischen, konstruierten sozialen Situation transparent zu machen, insbesondere unsere Gedanken bei der didaktischen Planung einer Lehrveranstaltung. Die Distanz ist durch spätestens durch die Asymmetrie immanent. Nähe, im Sinne einer Lehr-Lernbeziehung, gestalte ich dann durch Transparenz und Offenheit.

Zur zweiten Frage, nach dem Stellenwert der Lehre an Universitäten möchte ich mich zunächst kurz fassen: Ohne Studierende wird eine Universität zu einer reinen Forschungseinrichtung. Der wissenschaftliche Nachwuchs – meines Erachtens aber auch ein Teil einer mündigen Bürgerschaft – steht in direkter Abhängigkeit von, wenn nicht guter, dann zumindest inspirierender Lehre. Wenn ich als Lehrperson nicht die Gelegenheit habe, die Relevanz eines Inhaltes hervorzuheben und damit die Idee des persönlichen, studentischen Lebensweltbezugs erweitere oder zumindest den Studierenden zu vertiefendem fachlichen Denken verhelfe, besteht die Gefahr, dass viele Denkanstöße nicht mehr gegeben werden. So, denke ich, bilden sich diskursfähige Menschen. Auch wenn es asymmetrisch wirkt. Nur dann kann Widerspruch eingelegt werden.

Bildungswissenschaft, Hochschullehre, Pädagogik

Wo Pädagogik drin ist…

Erstmals veröffentlich am 16.11.2017

Das neue Semster hat spannend angefangen, mit vielen Fragen in einer universitären Großveranstaltung zum pädagogischen Grundbegriffen.

Ein rezentes Event war meine alljährliche Präsentation der Berufsmöglichkeiten von Pädagogikstudierenden des ersten Semesters. Die vergangenen Jahre habe ich hier immer über verschiedene Berufe und die Kompetenzen oder Fähigkeiten gesprochen, die in diesen Berufen gefragt sind. Gestern habe ich das erste Mal wirklich und vertieft darüber gesprochen, welche Gelegenheiten das Studium bietet, sich mit der Welt in der wir leben auseinander zu setzten. Spontan habe ich erzählt, wo im alltäglichen Leben ‚Pädagogik’ ‚drin’ ist. Das erste Beispiel ist offensichtlich: Ein dreijähriges Kind schmeißt sich vor dem Supermarkt auf den Boden. Welche Möglichkeiten gibt es hier zu reagieren. Aus der Antwort einer Studentin konnte ich ableiten, dass es um Macht geht und um Öffentlichkeit. Und darum, das Richtige tun zu wollen. Die These der Studentin lautete, dass es galt zu ‚gewinnen’, um dem Kind nicht zu vermitteln, dass ‚Schreien’ dazu führt, den eigenen Willen durchzusetzen. Ich habe versucht zu vermitteln, dass auch die Perspektive hinter der Handlung interessant sein kann. Nämlich die Frage, wer wird wozu erzogen? Wer entscheidet, nach welchen Regeln die Welt ‚bespielt’ werden soll? Und wer kann überprüfen ob welche Erziehungs’maßnahmen’ ‚ zu welchem Ziel führen.

Das zweite Beispiel, das ich nannte war der Strafzettel, den ich vor meiner eigenen Haustür bekommen habe. Ich stand also unwissentlich im Halteverbot um mein Gepäck ins Auto zu laden. Obwohl ich nicht länger als 5 Minuten stand, ließ der Strafzettelschreiber nicht ab. Ich müsse ja die Regeln befolgen, so wie alle anderen auch. Ärgerlich an sich, allerdings erschreckender: Was passiert in einer Welt, in der die Regeln vor menschliche Grundempfindungen und Bedürfnisse gestellt werden. Wer entscheidet wann über solche die Regeln, bzw. ist diesen RegelentscheiderInnen zuzutrauen, dass sie die Regeln durchdacht haben? Und wie geht es der ‚Exekutive‘ damit? Ein anderes Beispiel wäre inzwischen das Verschleierungsverbot in Österreich, das dramatischerweise einen Diskurs einfärbt (und zwar auf dem Rücken/Gesicht von Frauen) und durch Feste wie Fasching und die kommende Skisaison lächerliche Ausformungen erhält. Dies habe ich aus verschiedenen Gründen nicht in der Veranstaltung erwähnt. Wo ist also überall Pädagogik drin? Wie können also pädagogische Grundbegriffe, wie Bildung, Erziehung oder Sozialisation in der aktuellen Gesellschaft gefunden, definiert, implementiert oder umgedeutet werden, bzw. wie findet der Diskurs über genau jendes statt? Das waren diesmal die Fragen zu denen ich aufgerufen habe, sich als PädagogikstudentIn von Anfang an zu stellen. Damit die Suche nach Wahrheit nicht nur von unhinterfragten subjektiven Tatsachen geprägt wird.