Bildungswissenschaft, Hochschullehre, Pädagogik, Uncategorized

Es ist der beschwerliche Weg, den der Empörte beschreiten muss,…

 

…um als Citoyen Anerkennung zu finden (Oskar Negt)

Rechtzeitig vor dem Sommer habe ich einen Beitrag für ein Herausgeberwerk geschrieben, mit dem Titel „Mündige Bürger*innen als Ziel einer kritischen Hochschullehre“.

In dem Beitrag geht es um die Kritik, Universitäten würden mehr und mehr zu an der Arbeitsmarktpolitik ausgerichteten Ausbildungsstätten, die ihre ursprünglichen Werte vergessen haben. Diese Werte können mit gesellschaftlichen Befreiungsgedanken durch Bildung beschrieben werden. Im Gegensatz dazu lautet der Vorwurf, Lehrende würden durch Publikationsdruck und Bologna-reformierte Lehrveranstaltungsstrukturen lehrendenzentrierter denn je unterrichten (siehe dazu Otto Kruses Beitrag). Den Studierenden – übrigens war mir die Herkunft des Worts Student, aus dem lateinischen als „strebend nach…“ und „sich interessierend für…“ nicht bewusst – wird vorgeworden, sie wären passiv, konsumierend und nicht mehr kritisch. Etwas polemisch, sehr unterhaltsam und letztendlich sehr denkanstoßend habe ich dabei das kleine Büchlein von Christiane Florin empfunden. Mein Lieblingszitat, das mich sehr zum Nachdenken gebracht hat, war folgendes: „Sie sind einerseits ein anspruchsvolles Publikum, das mit pädagogischer und vortragstechnischer Raffinesse bei Laune gehalten werden will. Sie sind andererseits anspruchslos, was die Inhalte anbetrifft. Es stört sie nicht, wenn sie um Themen und Thesen gebracht werden. Die Lehrpläne sind ohnehin voll genug“ (Florin 2014, S. 10). Solche Realitätschecks stehen in einem epochal-stilistischen und inhaltlichen Widerspruch zu der Magna Charta Universitatum, die ich auf der Suche nach universitären Aufgabenbeschreibungen (wieder) entdeckt habe.

IMG_20180726_132802Auch ich bin als Studentin, insbesondere als Studentin eines bildungswissenschaftlichen Studiums, mit diesen beiden Welten konfrontiert worden. Ich habe erst spät im Studium angefangen zu verstehen, um welche Denkschulen es sich beim Studieren handeln kann, welch vielfältige Perspektiven ich als künftige Bildungswissenschafterin einnehmen werde, und wie anregend Gedankenspiele zu Utopien und Reflexionen über Menschenbilder sind. Wie so viele Studentinnen und Studenten heute, war auch ich im Studium auf der Suche nach den Grundsteinen meiner beruflichen Zukunft. Berufliche, bzw. arbeitsalltägliche Fragen wie „Was will ich werden? Wie möchte ich meinem Arbeitsalltag entgegensehen? Welche Verdienstprognosen ergeben sich aus den verschiedenen Möglichkeiten?“ standen eher im Vordergrund, als selbstreflexive, lebensweltorientierte Fragen „Was ist ein gutes Leben? Welche Rolle(n) möchte ich dabei übernehmen? Wie möchte ich meine und die Welt wahrnehmen? Welche positiven strukturellen Veränderungen möchte ich mitgestalten?“

IMG_20180726_132806Wie es der Zufall so wollte, hatte ich noch während des Studiums die Gelegenheit, mich bei der Erstellung eines persönliches Kompetenzportfolios begleiten zu lassen. Über die Frage „Was kann ich alles?“ und „Was noch so?“ konnte ich mich ein wenig beruhigen. Wenn meine Antworten auf diese Frage ausreichen, um arbeitsmarktfähig zu sein, kann ich mich ruhig wieder den fauleren Seiten (über den Wert von Muße war ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst) meines Studentinnenlebens widmen. Der Gedanke nach einem inhaltlich ansprechenden Lebenslauf hat mich jedoch bei keinen meiner bildungs- und berufsbiographischen Entscheidungen losgelassen. Interessanterweise war es genau diese Tatsache, die meine Entwicklung zu einer (zugegebenermaßen selbsternannten) mündigen Bürgerin, vorangetrieben hat: Die Immatrikulation ins Doktoratstudium. Diese Entscheidung hat meine beruflichen Anfänge als selbstständige Unternehmerin in der Bildungsarbeit ausgeglichen. Das Doktoratstudium hat mir endgültig die Chancen meiner Studieninhalte vor die Nase gehalten. Ironisch, dass das Streben nach einem arbeitsmarktfähigen, attraktiven Lebenslauf es mir ermöglicht, genau diese Praxis in Frage zu stellen.

Retrospektiv und aktuell beurteile ich mein „Denklager“ als „in Balance“. Mir meine Brötchen auf möglichst angenehme als auch anregende Art zu verdienen, bleibt dabei ein wichtiges Ziel. Dabei darauf zu achten, dass beruflich und/oder privat genug

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Momente entstehen, in denen ich systemkritisch und widerständig bin und dadurch in meinem aktuellen Mikrokosmos Veränderungen ermögliche, ist ebenso wichtig. Es darf also auch beides gleichzeitig sein.

Ich hoffe sehr, dass ich in der privilegierten Situation bleiben werde, in der ich mich nicht weiter zu entscheiden brauche.

P.S. Das Zitat in der Blog-Überschrift hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist öffentlich zu werden, wenn jemand – und wird es subjektiv als noch so privat empfunden – etwas zu sagen hat. Dies gelingt den Autorinnen und Autoren des Blogs Sozialearbeitistpolitisch meiner Meinung sehr gut.

P.P.S. Ich habe vergessen zu erwähnen, welche Bedeutung diese Recherchen und Diskussionen auf unseren Lehralltag haben könnte. Das dann in einem nächsten Beitrag.

P.P.P.S. Interessanterweise besteht dieser Blogbeitrag aus vielen Fragen. Fragen leiten ja bekanntermaßen das kritische Denken. Wenn also ein Blogbeitrag aus Fragen besteht, wie kann dann Lehre mit so vielen Ausrufezeichen versehen sein?

Hochschullehre, Pädagogik

Meine Aufgaben als Lehrende*r

Vergangene Woche habe ich in Graz eine Fortbildung für Lehreinsteiger*innen abgehalten. Auf die Frage hin, welche Themen die jungen Hochschullehrenden beschäftigen, lassen sich zwei große Themenbereiche herausstreichen, die sich auf zwei ganz verschiedenen Ebenen bewegen:

  • Zum einen geht es um die Balance von Nähe und Distanz zu den Studierenden mit der konkreten Frage, was es braucht, um als Lehrende*r in eben dieser Rolle anerkannt zu werden.
  • Zum anderen führen viele Diskussionen zu der Grundsatzfrage, welchen Stellenwert Lehre an Universitäten eigentlich einnimmt.

In Bezug zu beiden Fragen möchte ich folgende Erzählung einer amerikanischen Kollegin teilen:

“Someone recently asked me the single biggest difference between a course my students design and one I might design for them. I thought about it a bit and said, “Relevance.” When I design a course, I often think about “representing” the “content” of the “field.” When my students design a course, they always design one in which, whatever content they choose, it has something to teach them about how to live and understand their world right now“ (Kathy N. Davidson 2018).

Ich denke, dass dies sehr deutlich vor Augen führt, dass trotz der höchstmöglichen Selbststeuerung der Studierenden, wir als Lehrpersonen genau dieses Spannungsfeld bespielen müssen: Einen Lebensweltbezug herzustellen bei gleichzeitiger Selektion und Reduktion der relevanten Inhalte. Welche Inhalte insbesondere in wissenschaftlichen Grundlagenthemen relevant sind, zeigt die Fachlandkarte, die wir, mit einem bestimmten Wissensvorsprung, bereits recht deutlich und konkret vor Augen haben. An diesem Selektionsprozess können Studierende nur bedingt teilnehmen. Dementsprechend bedarf es einem Vertrauensvorsprung, der uns entgegengebracht wird. Diesen braucht es, um als junge Lehrpersönlichkeit anerkannt zu werden. Wir machen es den Studierenden einfacher, uns zu vertrauen, wenn das Vertrauen nicht ‚blind‘ sein muss. Das heißt, wir als Lehrenden haben die Aufgabe unsere Absichten in der asymmetrischen, konstruierten sozialen Situation transparent zu machen, insbesondere unsere Gedanken bei der didaktischen Planung einer Lehrveranstaltung. Die Distanz ist durch spätestens durch die Asymmetrie immanent. Nähe, im Sinne einer Lehr-Lernbeziehung, gestalte ich dann durch Transparenz und Offenheit.

Zur zweiten Frage, nach dem Stellenwert der Lehre an Universitäten möchte ich mich zunächst kurz fassen: Ohne Studierende wird eine Universität zu einer reinen Forschungseinrichtung. Der wissenschaftliche Nachwuchs – meines Erachtens aber auch ein Teil einer mündigen Bürgerschaft – steht in direkter Abhängigkeit von, wenn nicht guter, dann zumindest inspirierender Lehre. Wenn ich als Lehrperson nicht die Gelegenheit habe, die Relevanz eines Inhaltes hervorzuheben und damit die Idee des persönlichen, studentischen Lebensweltbezugs erweitere oder zumindest den Studierenden zu vertiefendem fachlichen Denken verhelfe, besteht die Gefahr, dass viele Denkanstöße nicht mehr gegeben werden. So, denke ich, bilden sich diskursfähige Menschen. Auch wenn es asymmetrisch wirkt. Nur dann kann Widerspruch eingelegt werden.

Bildungswissenschaft, Hochschullehre, Pädagogik

Wo Pädagogik drin ist…

Erstmals veröffentlich am 16.11.2017

Das neue Semster hat spannend angefangen, mit vielen Fragen in einer universitären Großveranstaltung zum pädagogischen Grundbegriffen.

Ein rezentes Event war meine alljährliche Präsentation der Berufsmöglichkeiten von Pädagogikstudierenden des ersten Semesters. Die vergangenen Jahre habe ich hier immer über verschiedene Berufe und die Kompetenzen oder Fähigkeiten gesprochen, die in diesen Berufen gefragt sind. Gestern habe ich das erste Mal wirklich und vertieft darüber gesprochen, welche Gelegenheiten das Studium bietet, sich mit der Welt in der wir leben auseinander zu setzten. Spontan habe ich erzählt, wo im alltäglichen Leben ‚Pädagogik’ ‚drin’ ist. Das erste Beispiel ist offensichtlich: Ein dreijähriges Kind schmeißt sich vor dem Supermarkt auf den Boden. Welche Möglichkeiten gibt es hier zu reagieren. Aus der Antwort einer Studentin konnte ich ableiten, dass es um Macht geht und um Öffentlichkeit. Und darum, das Richtige tun zu wollen. Die These der Studentin lautete, dass es galt zu ‚gewinnen’, um dem Kind nicht zu vermitteln, dass ‚Schreien’ dazu führt, den eigenen Willen durchzusetzen. Ich habe versucht zu vermitteln, dass auch die Perspektive hinter der Handlung interessant sein kann. Nämlich die Frage, wer wird wozu erzogen? Wer entscheidet, nach welchen Regeln die Welt ‚bespielt’ werden soll? Und wer kann überprüfen ob welche Erziehungs’maßnahmen’ ‚ zu welchem Ziel führen.

Das zweite Beispiel, das ich nannte war der Strafzettel, den ich vor meiner eigenen Haustür bekommen habe. Ich stand also unwissentlich im Halteverbot um mein Gepäck ins Auto zu laden. Obwohl ich nicht länger als 5 Minuten stand, ließ der Strafzettelschreiber nicht ab. Ich müsse ja die Regeln befolgen, so wie alle anderen auch. Ärgerlich an sich, allerdings erschreckender: Was passiert in einer Welt, in der die Regeln vor menschliche Grundempfindungen und Bedürfnisse gestellt werden. Wer entscheidet wann über solche die Regeln, bzw. ist diesen RegelentscheiderInnen zuzutrauen, dass sie die Regeln durchdacht haben? Und wie geht es der ‚Exekutive‘ damit? Ein anderes Beispiel wäre inzwischen das Verschleierungsverbot in Österreich, das dramatischerweise einen Diskurs einfärbt (und zwar auf dem Rücken/Gesicht von Frauen) und durch Feste wie Fasching und die kommende Skisaison lächerliche Ausformungen erhält. Dies habe ich aus verschiedenen Gründen nicht in der Veranstaltung erwähnt. Wo ist also überall Pädagogik drin? Wie können also pädagogische Grundbegriffe, wie Bildung, Erziehung oder Sozialisation in der aktuellen Gesellschaft gefunden, definiert, implementiert oder umgedeutet werden, bzw. wie findet der Diskurs über genau jendes statt? Das waren diesmal die Fragen zu denen ich aufgerufen habe, sich als PädagogikstudentIn von Anfang an zu stellen. Damit die Suche nach Wahrheit nicht nur von unhinterfragten subjektiven Tatsachen geprägt wird.